Audioguide mit Hörbehinderung – Rigi-Panoramaweg
Rigi Standort 2.7
Am vorletzten Standort angekommen, beginnt Susanne zu erzählen: «Für uns Personen mit Sehbehinderung ist die Infrastruktur nicht so wichtig. Wir kommen die meisten Treppen und Berge hoch, ohne dass etwas umgebaut werden muss. Besonders wichtig ist für uns aber die Offenheit der Menschen. Wenn man jemanden unsicher herumlaufen sieht, kann man einfach mal Hilfe anbieten. Man bekommt dann schon hoffentlich ein freundliches Ja oder Nein zu hören.»
Urs fragt neugierig: «Gibt es da Berührungsängste?»
Susanne antwortet: «Ja, wenn man nicht weiss, was und wie. Dann traut man sich nicht und läuft lieber weiter, und denkt sich, jemand anders soll helfen. Die Leute wissen oft nicht, was sie Menschen mit Beeinträchtigungen zutrauen oder zumuten sollen. Das ist noch schwieriger abzuschätzen für Menschen, die keinen Zugang haben oder noch nie in Kontakt standen.»
Urs fragt daraufhin: «Wartest du eher, bis dir jemand hilft oder gehst du auch aktiv auf Leute zu und fragst um Hilfe?»
Susanne antwortet: «Das Problem ist, dass ich gar nicht sehe, wo die Leute sind.»
Susanne und Urs müssen lachen und Urs sagt: «Das ist ein guter Punkt, richtig.»
Susanne erzählt: «Also wenn ich höre, da läuft jemand, dann frage ich schon. Dann höre ich aber, wie die Leute weiterlaufen und überlege mir, sind sie jetzt weggelaufen oder haben sie mich nicht gehört oder gesehen? Es ist eigentlich für mich besser, wenn ich mich unsicher fühle und jemand fragt, denn das sind dann eben auch die Leute, die genügend offen und freundlich sind, um Hilfe zu leisten.»
Urs wendet sich an David: «Und bei dir David, wie soll man am besten helfen? Im Rollstuhl ist man ja eher versucht, zu stossen. Da hilft man dir vielleicht eher, als wenn jemand mit einem Blindenstock durch die Strasse läuft.»
David antwortet: «Ja, das ist ein sehr guter Punkt, denn Rollstuhlfahrende haben es gar nicht gerne, wenn man sie einfach von hinten plötzlich zu schieben anfängt. Erstens erschrickt man und zweitens kann es sein, dass man fast aus dem Rollstuhl fällt. Es ist nicht so, dass wir nicht gerne Hilfe annehmen würden. Aber es ist immer schön, wenn man zuerst fragt. Dann hat man die Möglichkeit, Ja oder Nein zu sagen. Für mich war es ein Lernprozess, nach Hilfe zu fragen. Wenn ich zum Beispiel einkaufe, stehe ich oft vor einem Regal und komme nicht hoch. Dann bin ich meistens schneller, wenn ich auf jemanden zugehe und frage, als dass ich einfach dastehe und das Regal anschaue, bis jemand kommt und fragt, ob man helfen könne. Das hat schon ein bisschen Zeit gebraucht, weil man ja immer das Gefühl hat, man will den Leuten nicht zur Last fallen. Aber was mir auch auffällt, ist, dass junge Leute offener sind als ältere Menschen. Ich habe das Gefühl, dass bei den Jungen schon eine gewisse Sensibilisierung stattgefunden hat und dass die viel offener auf Leute mit einer Behinderung zugehen.»
Urs ist überrascht und fragt Susanne: «Ist das bei Menschen mit einer Sehbehinderung auch so? Stellst du auch fest, dass eher jüngere Menschen helfen?»
Susanne antwortet: «Also ich habe natürlich Schwierigkeiten, das Alter abzuschätzen. Wenn es Teenager sind, merkt man das oft an der Stimme, aber alles so zwischen 30 und 75, kann ich eigentlich gar nicht abschätzen.»
David erwidert daraufhin: «Mal unabhängig vom Alter, ob gross oder klein, gilt, lieber einmal zu viel fragen als zu wenig. Ich finde die kleinen Kinder immer sehr süss, wenn sie vorbeilaufen und Mama fragen, ‹was hat der?› Das ist immer spannend, wie die Erwachsenen reagieren. Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder man schweigt, oder man muss halt bei der Person nachfragen. Für mich persönlich ist es immer viel angenehmer, wenn die Leute persönlich nachfragen, weil ich sehr offen über meinen Unfall erzählen kann. Und ich glaube auch, dass es die Leute oft Wunder nimmt, was der Grund ist, warum ich im Rollstuhl bin.»
Susanne ergänzt lächelnd: «Für mich gibt es noch eine dritte Möglichkeit. Nämlich, dass die Eltern mit mehr oder weniger Wissen ihren Kindern eine einfache Erklärung abgeben. Manchmal kommen ganz lustige Sachen dabei raus.»